PARSCHAT PEKUDE (Schekalim)

 

Das sind die Berechnungen...

 

Das Volk Israel geht dem Höhepunkt entgegen. Den Auszug  aus Ägypten haben wir hinter uns. Wir erhielten die Thora am  Berge Sinai. Selbst die schwere Krise der Sünde um das  goldene Kalb haben wir überstanden. Und nun erklimmen wir den Gipfel: Das Absenken der göttlichen Präsenz auf die  Israeliten nach Bau des Wüstenheiligtums anläßlich dessen  Einweihung. Und sieheda, mittendrin im Geschehen erfolgt der  große "Absturz" von den höchsten Höhen in die tiefsten Tiefen;  nämlich zu Geldangelegenheiten: Wieviel Gold  zusammengesammelt wurde, wieviel Silber und wieviel Kupfer;  was wurde mit jedem einzelnen Silberbarren und jeder Münze  angefangen, mit jedem Kupfergewicht, mit jedem Stückchen  Purpur und den anderen Stoffen - wozu ist diese kleinliche  Rechnungslegung nötig, und noch so eng verbunden mit dem  Gipfel unserer Träume? 

Auf diese Frage werden wir versuchen, mithilfe des Midrasch  eine Antwort zu finden: "In Geldangelegenheiten setzt man  keine Autorität über die Öffentlichkeit weniger als zwei  [Personen]. Findest du doch Moscheh als alleinigen  Schatzmeister!... Vielmehr, obwohl Moscheh alleiniger  Schatzmeister war, rief er Andere hinzu und läßt sie die  Berechnungen durchführen, wie es heißt: Das sind die Berechnungen der Wohnung... (Ex. 38,21); 'die Moscheh  berechnete' steht nicht geschrieben, sondern die auf Befehl  Moschehs berechnet wurden, durch Moscheh unter Aufsicht  Itamars" (ebda.; Schemot rabba 51,1).

Auf dem Höhepunkt der nationalen Bestrebungen  angekommen, kümmert sich Moscheh um die öffentliche  Redlichkeit. Sicher vertrauen Alle demjenigen, von dem G`tt  verkündete: "..in meinem ganzen Hause ist er bewährt" (Num.  12,7), das reicht jedoch nicht aus. Die Rechtschaffenheit muß  auch nach außen hin sichtbar sein. Alle unterliegen den Regeln  ordnungsgemäßer Buchführung, ohne jede Ausnahme. In diesem Sinne wurde das Gesetz über die mildtätigen Spenden  im Schulchan Aruch (J.D. §257,2) entschieden: "Bei den  mildtätigen Gaben führt man keine Rechnungsprüfung der  Schatzmeister durch... wie es heißt: Und man rechnete den Männern nicht nach, in deren Hände man das Geld gab, um es  an die Schaffenden zu geben, denn getreulich walteten sie  (Kö.II, 12,16)". Dem fügte aber Rabbiner Moscheh Isserles  [dessen Anmerkungen integraler Bestandteil des Schulchan Aruch wurden] hinzu: "Um vor G`tt und Israel rein zu sein, ist es  trotzdem gut, wenn sie Rechenschaft ablegen". Wenn nun die  Schatzmeister ein genügend dickes Fell haben, um sich nicht  von irgendwelchen Verdächtigungen stören zu lassen,  bräuchten sie doch eigentlich eventuelle Kritik gar nicht zu  beachten. So lernten wir allerdings nicht von unserem Lehrer  Moscheh. Natürlich hätte auch ihm ein leiser Verdacht nichts  ausgemacht, wo es doch über ihn hieß: "Und der Mann  Moscheh war sehr sanftmütig" (Num. 12,3). Doch wie ist es um  das moralische Niveau einer Gesellschaft bestellt, wenn derlei  Verdächtigungen gegen den an ihrer Spitze Stehenden  geäußert werden? Bietet das nicht eine Rechtfertigung für  Andere, mit beiden Händen in die öffentliche Kasse zu langen?  Würde das nicht zu einer Verharmlosung der "Weiße-Kragen- Kriminalität" führen?

Auf dem Höhepunkt der Vervollständigung des  Wüstenheiligtums läßt diese Sache unserem Lehrer Moscheh  keine Ruhe. Das Heiligtum kann nicht nur auf Sockeln aus 
Gold, Silber und Kupfer stehen. Die moralischen Stützen, auf  denen die Gesellschaft fußt, sind nicht weniger wichtig. Es  lassen sich keine Stufen überspringen. Es lassen sich keine  Grundwerte auslassen. Der persönliche Einsatz für den Bau des  Heiligtums verpflichtet dazu, auch den kleinen Dingen wie  öffentliche Redlichkeit und korrekte Ausführung Aufmerksamkeit  zu schenken, denn ohne diese kleinen Dinge würden die großen  Säulen nicht stehen. Genau darüber sprach der Prophet Jeschajahu in seiner Vision: "Wie ist zur Buhlerin geworden die  bewährte Stadt! sie, voll von Recht, Gerechtigkeit wohnte darin,  und jetzt Mordgierige. Dein Silber ist zu Schlacken geworden,  dein Trank verfälscht durch Wasser. Deine Fürsten Unbändige und Diebsgesellen, allzumal Bestechung liebend und jagend  nach Bezahlung; der Waise sprechen sie kein Recht, und der  Streit der Witwe kommt nicht zu ihnen" (1,21-23). In dieser Lage  ruft der Prophet den Besuchern des Tempels entgegen: "Wozu  mir die Menge eurer Opfer? spricht der Ewige... Wenn ihr  kommt zu erscheinen vor meinem Angesichte, wer verlangt  solches von eurer Hand, zu zertreten meine Höfe?" (1,11-12).  Entsprechend erfolgt die Erlösung des Volkes und des Landes,  des Heiligen und des Heiligtums in Verbindung mit sozialer  Gerechtigkeit, individueller und gesellschaftlicher Ethik: "Und  stelle her deine Richter wie vormals, und deine Räte wie zu  Anfang. Nachher wird dir zugerufen: Stadt der Gerechtigkeit,  bewährte Feste! Zion wird durch Recht erlöst, und seine 
Bekehrten durch Gerechtigkeit" (1,26-27). Darüberhinaus wird  über die Bemühungen von Moscheh zur Arrangierung  regierungsamtlicher Redlichkeit nicht vor dem Bau des  Wüstenheiligtums berichtet, und auch nicht danach, sondern  genau mittendrin, zwischen der Vorbereitungsphase (Abschnitt  Wajakhel) und der Bauphase (Abschnitt Pekude). Wir sollen  daraus lernen, daß wir es hier nicht mit zwei verschiedenen Dingen zu tun haben: Der erhabene Wert unmittelbarer  Anwesenheit der göttlichen Präsenz im Heiligtum, und der  weltliche Wert der Redlichkeit bei der Führung öffentlicher  Angelegenheiten - beide sind Seiten einundderselben göttlichen Münze. So schrieb auch Rabbiner A.J.Kuk: "Das  gesellschaftliche Leben mit allen seinen Regelungen... alle  zusammen verbunden nach den Anforderungen der Ewigkeit -  nur wenn sie gelöst sind, werden sie der Welt in der Not zur Seite stehen" (Orot Hakodesch I, S.8).

In diesem Sinne

Rav Asri'el Ari'el

 

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