|
Parascha Bereschit
Mitzwot der Weg zur Vollkommenheit
Jedes mal sind wir aufs Neue erschüttert, wenn wir vom Ansteigen der Mordrate in unseren
Straßen lesen. Das hatten wir uns nicht so erträumt. Für dieses Verbrechen gibt es allerlei
Motive: Geld und Ehre, Liebe und Ideologie, und leider noch andere
Beweggründe. Ein
näheres Betrachten der Worte unserer talmudischen
Weisen über den ersten Mord in der Geschichte der Menschheitvon Kain an Hewel ("Abel")
wirft etwas Licht auf diesen schmerzlichen Sachverhalt. So heißt es im Midrasch
(Bereschitraba 22,7): "Worum stritten sie? Sie sprachen: laß uns die Welt
aufteilen; einer erhält den Boden, der andere die beweglichen
Gegenstände. Da sagte der
eine: der Boden, auf dem du stehst, gehört mir. Und der andere sagte: Was du an deinem
Leibe trägst, gehört mir. Der eine sprach: Lege deine Kleider und
Schuhe ab, und der andere sprach: Erhebe dich in die Luft. Und
dann 'machte sich Kain an
seinen Bruder Hewel und erschlug ihn' (Gen. 4,8)".
In diesem Streit ging es um wirtschaftliche Interessen. Doch das
reicht als Erklärung nicht
aus. Wenn die ganze Welt nur zwei Leuten gehört - fehlt etwa dem einen was, wenn er
dem anderen ein wenig abgibt?! Dieses hartnäckige Bestehen "auf
dem Prinzip" hat keinen ökonomischen Grund, sondern riecht
vielmehr nach eingebildeter
Ehre. So auch im weiteren Verlauf:
"Rabbi Jehoschua sagte im Namen Rabbi Levis: Der eine sprach: In meinem Gebiete wird
einst der Tempel gebaut, und der andere sprach: In meinem Gebiete wird einst der
Tempelgebaut, und dann 'machte sich Kain an seinen Bruder Hewelund erschlug ihn' (s.o.)".
Hier geht es offensichtlich um ein religiöses Thema, und somit
haben wir das Urbeispiel des
Dschihad vor uns. Doch auch in diesem Fall läßt sich erkennen, daß nicht der Streit um die
religiöse Wahrheit allein den Stein des Anstoßes bildete.
Keiner der beiden behauptete etwa,
daß er, und nur er, im Besitze der religiösen Wahrheit sei. Sie stritten nur um ein rein
praktisches Problem: In wessen Anteil wird der Tempel gebaut werden? Wer wird die Ehre
(und nebenbei den Einfluß) des Priestertumserhalten?
Der Heilige, gelobt sei er, sagt: Wenn ich die Welt .... nur mit Gerechtigkeit
erschaffe, wie kann die Welt bestehen bleiben ?! Sondern ich werde die Welt
mit Gerechtigkeit und mit Gnade erschaffen. (Bereschit raba 12,15 -
Bereschit 1,1)
Hier gibt es eine Frage: Weiß denn der Heilige, gelobt sei Er, nicht, dass die
Welt nicht mit Gerechtigkeit allein bestehen kann ? Und was will uns dieser
Midrasch berichten ? Und, der Heilige, gelobt sei Er, sieht in die Herzen
aller Generationen, man kann vor ihm nichts verstecken.
Hieraus muß man sagen, dass dem Menschen ein Weg gezeigt wird, dass er
mit seiner ganzen Kraft der Vollkommenheit entgegen geht soll. Er muss
versuchen in allen Dingen vollkommen zu sein und sich von der
Mittelmäßigkeit zu trennen.
Deswegen soll der erste Gedanke einer Arbeit die Vollkommenheit sein.
Wenn es Größe gibt, dann gibt es auch Vollkommenheit. Die Arbeit von
einem Minderjährigen, ist wie das Gesetz eines Dummen, der von den
Mitzwoth befreit ist. Er hat noch nicht seine Vollkommenheit erreicht, wie es
sich gehört. Dies wird uns in der Gemara in der Massechet Brachot 61b
erklärt:
"Die Welt wurde nur für die ganz Gerechten und die völlig bösen erschaffen."
So fragt man sich: Dass die Welt für die Gerechten erschaffen wurde, das ist
in Ordnung, doch dass sie für die Bösewichter erschaffen wurde, wie kann
man das sich erdenken? Ist das etwa der Grund der Schöpfung? Rav Kooks
schreibt in seinem Buch "Ein Ajhah", das man von dem Wort "völlig" lernen
muß, dass diese (völlig Gerechten und völlig bösen) sehr große Kräfte
besitzen.
Nach dem Midrasch, den wir oben gesehen haben, sieht es so aus, dass der
Heilige, gelobt sei Er, dem Menschen ein Weg zeigt ihre Ziel auf
Vollkommenheit zu setzen, weswegen sie auch erschaffen wurden. Das ist
die Seite der Gerechtigkeit. Wenn die Generation nicht dazu bereit oder die
Zeit nicht entsprechend ist, dann muß man die Seite der Gnade
hinzunehmen. Ohne Zweifel soll man sein Verlangen zuerst "mit ganzem
Herzen" ausrichten um zur möglichen Voll- kommenheit zu gelangen, "denn
das ist der ganze Mensch." (Kohelet 12,13).
So können wir auch den Abschnitt von Kain und Hewel verstehen.
Wie es aussieht war Kain der erste, der ein Opfer dem Ewigen bringen
wollte. Somit muss er auch als erster für die Segnungen und die Annahme
des Opfers genannt werden. Auch wenn die Früchte nicht so gut waren, so
hatte er immer noch den Gedanken, denn sein Herz hatte ihn dazu gebracht,
ohne das ihn jemand dazu verholfen hatte, er tat es von sich aus. Aber
nachdem, was wir oben erkannt haben, können wir den Pschat (das einfache
Verständnis) von der Schrift verstehen, Kain brachte von der Erdfrucht. Die
Schrift hatte es nicht nötig weiter über die Qualität der Früchte zu berichten.
Oder über die fehlende Vollkommenheit seines Opfers. Anders bei Hewel. Es
wird deutlich in der Torah ausgedrückt: "Und Hewel brachte, auch er, von
den Erstlingen seiner Schafe, und zwar von den Fetten" [Bereschit 4,4].
Obwohl es steht "auch er", denn er ist erst wegen des Opfers seines Bruders
auf den Gedanken gekommen auch ein Opfer zu bringen. Ja sogar es zu
übertreffen. Er tat die Mitzwah aus seinem ganzen Herzen, "da wandte sich
der Ewige zu Hewel und zu seinen Geschenken". Anders bei Kain, sein Ende
und wohin es hinabging, ist bekannt, bis er zum Schlimmsten von allen
gekommen ist "Und Kain ging weg vom Angesicht des Ewigen".
Warum all dies?
Er hätte sich weiter üben müssen, die Mitzwah mit der Vollkommenheit nach
seiner Größe zu erbringen. Somit steht im Midrasch Bereschit raba: "Rabbi
Brachia sagte, als der Heilige, gelobt sei Er, den Menschen schaffen wollte,
sah er Gerechte und Bösewichter von ihm ausgehen. So sagte Er, wenn ich
ihn erschaffe werden Bösewichte von ihm ausgehen und wenn ich ihn nicht
erschaffe, woher werden die Gerechten kommen?
Was tat der Heilige, Gelobt sei Er? Er entfernte den Weg der Bösewichter
von seinem Angesichte weg und fügte die Gnade mit hinzu und schuf den
Menschen. Um uns zu lehren, dass der Heilige, gelobt sei Er, nicht auf dem
Weg der Mittelmäßigkeit schaut, sondern auf das Ziel und das
entgegengehen zur Vollkommenheit.
Rav. Mordechay Kahane
|